Jakobus3

Innehalten

Blickwechsel

Das Thema „Impfen“ ist in aller Munde. Jeden Tag wieder neu. - Wie weit sind wir denn nun damit?

Ich gucke dabei mal nicht auf uns hier. Sondern wie weit ist man mit dem Impfen etwa in Somalia oder in Vietnam oder auch in Syrien? Oder wie steht es damit in den Flüchtlingslagern in Griechenland oder auf dem Balkan? Wüssten Sie`s? – Nein? Ich auch nicht. Woher auch? In der Tageszeitung oder den Fernsehnachrichten erfährt man so gut wie nichts darüber. Der Blick bleibt auf uns selbst beschränkt. Wenn überhaupt, geht er kurz in die EU-Nachbarländer oder nach Großbritannien. Aber der Rest der Welt...

Klar, mag man sagen. Wir haben ja auch wirklich genug mit uns selbst zu tun. Es ist im Moment schon schwer genug, den Überblick über die Corona-Lage in unseren 16 Bundesländern zu behalten. Stimmt. Und doch fände ich es schlimm, wenn dieses Virus uns dazu bringt, nur noch um uns selbst zu kreisen.

Ob man nicht mehr Impfstoff hätte bestellen sollen, wurde etwa diskutiert. War die EU zu langsam? Hat man schlecht verhandelt? Nirgendwo eine Bemerkung dazu, dass es bei dem Impfstoff um ein weltweit knappes Gut geht. Was heißt: Jede Impfdosis, die wir mehr bestellt hätten, würde woanders fehlen. Im letzten Jahr gab es noch große Worte: Der Impfstoff, wenn er denn käme, müsse allen Menschen weltweit zur Verfügung stehen. Stattdessen sorgt heute so ziemlich jedes Land nur noch für sich selbst.

Bedenklich, finde ich. Einmal, weil es hier doch um eine Pandemie, eine weltweite Krankheit geht. Wenn wir sie in anderen Teilen der Welt gewähren lassen, wird sie uns früher oder später wieder einholen (siehe die Mutation aus Südafrika). Aber es geht noch um mehr: Beim Klimawandel hatten wir gerade angefangen zu begreifen, dass wir alle auf einem Planeten leben. Beim Corona-Virus geht dieser Gedanke nun schon wieder verloren.

Als Christen bekennen wir in jedem Gottesdienst unseren Glauben an „Gott, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde“. Leicht und gewohnt gehen uns diese Worte im Glaubensbekenntnis über die Lippen. Doch die Konsequenz, uns Menschen dann auch als Kinder Gottes, als Brüder und Schwestern zu begreifen, das fällt schwerer. Da spielen Nähe und Ferne, Ländergrenzen, politische Bündnisse oder kulturelle Grenzen doch wieder eine Rolle. Die fernen Brüder und Schwestern geraten schnell aus dem Blick. Und je größer der Druck wird, desto mehr ziehen wir uns hinter die eigenen Mauern zurück. Das wird im Moment spürbar.

Der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus, ein Bewusstsein, dass wir als Menschen zusammengehören auch in solch einer Situation – davon würde ich mir mehr wünschen. Das wäre ein wichtiger Blickwechsel jetzt, wo ausgerechnet eine weltweite Krankheit uns als Menschen offensichtlich nicht zusammen, sondern im Gegenteil weiter auseinander bringt.

Ihr Eckhard Bock,
Pastor in Beverstedt

Pastor Eckhard Bock
Pfarrhof 3
27616 Beverstedt
Tel.: 04747 872814