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„Der Ort, an dem wir recht haben“

Haben Sie manchmal Zweifel? Zweifel, ob Sie richtig liegen, ob Sie recht haben… Dann sollten Sie lieber nicht in die Politik gehen. Denn dort sind Fragen und Zweifel nicht gerne gesehen. Sie gelten als Schwäche, als offene Flanke für Gegner. – Doch wohin führt das?

Vor einiger Zeit bin ich auf ein Gedicht des israelischen Schriftstellers Jehuda Amichai gestoßen. „Der Ort, an dem wir recht haben“, heißt es.

An dem Ort, an dem wir recht haben, werden niemals Blumen wachsen im Frühjahr. / Der Ort, an dem wir recht haben, ist zertrampelt und hart wie ein Hof. / Zweifel und Liebe aber lockern die Welt  auf wie ein Maulwurf, wie ein Pflug. Und ein Flüstern wird hörbar an dem Ort, wo das Haus stand, das zerstört wurde.“

Oft kommt mir dieses Gedicht in den Sinn bei politischen Auseinandersetzungen, hier bei uns im Land, aber auch bis hin zum Ukrainekrieg oder den Konflikten im Nahen Osten.

Der Ort, an dem wir recht haben – „Wir haben recht!“, das hören wir immer wieder. „Wir sind die Guten. Wir stehen auf der richtigen Seite. Keine Frage, kein Zweifel!“ Auf den Gegner wird dabei keine Minute verschwendet: Was ihn treibt, was bei ihm im Hintergrund steht an Erfahrungen, vielleicht auch an Ängsten. Ob er nicht vielleicht – zumindest an der einen oder anderen Stelle – aus seiner Sicht auch recht haben könnte.

Doch ein Ort, wo immer nur dieses „Wir haben recht!“ erklingt, ist kein fruchtbarer Ort. Er ist eher wie ein zertrampelter Hof, wie verbrannte Erde. Da kann sich nichts ändern, kann nichts wachsen. An diesem Ort kann man sich nicht begegnen. Da kann nichts aufkeimen an Hoffnung, an Verständigung.

Dafür bräuchte es Zweifel und Liebe, wie Jehuda Amichai schreibt. Zweifel, der auch die eigene Position immer noch mal überdenkt. Und die Liebe, die auch dem Gegner immer noch seine menschliche Würde lässt (Man denke an das, was Jesus über die Feindesliebe gesagt hat.). Natürlich sollen wir unsere Position vertreten, für das einstehen, was wir für richtig halten. Aber Zweifel sollte dabei immer auch bleiben: immer wieder das Eigene überdenken, in Frage stellen.

Damit am Ende wieder „ein Flüstern“, ein Lebens- und Hoffnungszeichen vernehmbar werden kann mitten in allem Streit, aller Verwüstung.

Ihr Eckard Bock,
Pastor in der Dreieinigkeitsgesamtkirchengemeinde

Pastor Eckhard Bock
Pfarrhof 3
27616 Beverstedt
Tel.: 04747 872814