Innehalten

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

In den letzten Sommermonaten hat ein neuer Be­griff Einzug gehalten in den Medien. Immer wieder taucht er jetzt auf: „illegale Migration“ (übersetzt: „gesetzwidrige Abwanderung“). Die muss man ab­wehren, sagt man uns. Dafür werden jetzt Ver­handlungen geführt und Masterpläne erstellt.

„Illegale Migration“, das klingt bedrohlich. Da kommen Menschen illegal, also rechtswidrig zu uns. Es sind damit Straftäter, Kriminelle gar, die man stoppen muss. An unserer Grenze oder besser noch gleich an den Grenzen Europas, damit sie gar nicht erst ankommen. Passend dazu ein Bild neulich in der Zeitung: Ein Polizist, der zwei junge Männer in Handfesseln hinter sich her führt. Dazu die Bild­unterschrift: „Flüchtlinge aus Marokko werden im Hafen von Tarifa von Polizisten der Guardia Civil abgeführt“. Flüchtlinge sind illegal, sagt mir dieses Bild. Man muss sie festnehmen und in Handfesseln legen, wie es dieser spanische Polizist tut.

Doch dann kommt mir ein anderes Bild wieder in den Sinn. Vor drei Jahren, am 4. September 2015, war auf der Titelseite der Nordsee-Zeitung: Ein toter kleiner Junge, an der türkischen Küste auf den Strand gespült. Aylan Kurdi hieß dieser Junge, drei Jahre alt war er. Zusammen mit seinem fünfjährigen Bruder und seinen Eltern war er vor dem Bürger­krieg in Syrien geflüchtet. Doch ihr Boot kenterte im Mittelmeer. Die beiden Brüder und die Mutter ertranken. Nur der Vater überlebte. Auch diese Familie waren illegale Migranten. Waren sie ge­fährlich? Hat man auch den Vater in Handfesseln gelegt und abgeführt, nachdem man ihn aus dem Wasser gefischt hat? So frage ich mich.

„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus.“, heißt es in der Bibel beim Propheten Jesaja. Fremd wirken diese Worte angesichts der Diskussionen der letzten Monate. Naiv wirken sie, unzeitgemäß. Ich höre auch schon die Einwände: „Wir können doch nicht alle aufnehmen!“. Mag sein. Aber trotzdem halte ich an diesen Worten fest. Sie erinnern mich daran: Die Menschen, die da kommen – auf der Flucht vor Krieg und Gewalt oder auch auf der Suche nach einem besseren Leben – es sind keine „Illegalen“, keine Gesetzesbrecher. Es sind zuallererst schutzlo­se Menschen. Menschen, die alles zurückgelassen haben. „Menschen im Elend“, wie sie bei Jesaja ge­nannt werden. Ihnen menschlich, geschwisterlich zu begegnen, lehrt uns unser christlicher Glaube. Da­ran will ich erinnern. Es ist nötig.

Eckhard Bock,
Pastor in Beverstedt