Innehalten

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Amaryllis-Blüte

Mit großer roter Blüte blüht die Amaryllis auf meiner Fensterbank. Ein Farbtupfer im Grau der Herbsttage. Die erste Zwiebel habe ich vor vielen Jahren von meiner Großmutter geschenkt bekommen. Noch im Studium. Das ganze Jahr über ist sie nicht schön anzusehen. Die langen grünen Blätter machen nichts her. Dann sterben sie irgendwann ab und es bleibt die bloße Zwiebel zurück. Aber dann im Advent treibt sie wieder aus.

Anders als die heutigen Amarylliszwiebeln, die dem Zeitgeist folgend schon weit vor dem 1. Advent ihre Blütenpracht entfalten, hielt die Zwiebel meiner Großmutter den Zeitplan ein. Ihre Blüte entfaltete sich erst in der Adventszeit. Übrigens in einem Rot, das ich bisher noch nicht wiedergefunden habe.

Leider hat diese Zwiebel in einem Herbst Frost erlitten. Was bleibt sind die Erinnerungen. Die Erinnerung an jene Amaryllis meiner Großmutter. Und damit auch die Erinnerung an meine Großmutter. In Gedanken erinnere ich ihr Gesicht, ihre Stimme. Das, was ich mit ihr als Kind erlebt habe. Eine schöne Zeit.
Solche Erinnerungen kommen Vielen in diesen Tagen – nach dem „Gedenktag der Entschlafenen“  vor einer Woche und dem ersten Advent heute. Die Adventszeit ist mit vielen Erinnerungen besetzt: An den Geruch gebrannter Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt oder den Orangenduft zu Hause. Und mit diesen Erinnerungen stellen sich Bilder ein: Von Menschen, die uns begleitet haben, die uns wichtig gewesen sind. Und es vielleicht auch noch sind.

Und wir lassen uns an die Spannung dieser Zeit erinnern: Wie lange dauerte es damals vom 1. Advent bis zum Heiligen Abend und der Bescherung? – Heute geht das alles viel zu schnell. Viele beschwören dann die gute alte Zeit. Aber das geht nicht. Was aber geht, ist das jährliche Eintauchen in die Geschichte: Die vorbereitenden Texte der Adventszeit. „Mache dich auf, werde licht; denn dein Heil kommt“, schreibt etwa der Prophet Jesaja.

Auch das ist keine Erinnerung aus erster Hand. Sie ist aufbereitet, mehrfach übersetzt und später auf die Geburt Jesu in der Krippe und das Wirken des Heilands bezogen worden. Aber die Worte haben die Kraft auch heute noch. So wie die Amarylliszwiebel – dieses Jahr gekauft – Erinnerungen auslöst. So war das. So könnte es ruhig wieder sein. So darf es werden. Am 1. Advent sind die Kirchen geöffnet. Und in vielen Gottesdiensten erklingen die bekannten Lieder wie „Macht hoch die Tür“ – Wie damals.

Die Adventszeit zieht uns mit den Erinnerungen an damals zurück. Und zugleich möchte sie unseren Blick nach vorn wenden: Auf Weihnachten hin. Ja, noch viel mehr: Auf das neue Weihnachten – was gefeiert wird, wenn Jesus wieder sichtbar unter uns ist. Nur das ist Vision. Und Visionen setzen keine Erinnerungen frei. Der Weg geht andersherum. Das Erinnern an die eigene Kindheit lenkt den Blick in die Krippe. Und von da geht’s weiter …

Thomas Casper,

stellvertretender Superintendent und Pastor in Stotel