Innehalten

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Es fing  harmlos an, kaum spürbar. Ab und zu hat sie etwas vergessen, Kleinigkeiten, nichts Ernstes. Sie wusste nicht, wo sie ihren Schlüssel abgelegt hat, den ein oder anderen Namen vergaß sie, sie musste lange in ihren Schränken suchen, bis sie etwas gefunden hat.

Mit der Zeit wurde es spürbarer. Sie aber lernte es zu überspielen. Bei Gesprächen sagte sie nur noch „ja“ oder „nein“ oder saß schweigend dabei. Ihre Schränke nahm sie sich systematisch vor, von links oben bis rechts unten. Irgendwann fand sie dann, was sie suchte.

Eines Tages saß sie verzweifelt in ihrer Küche. Sie hatte gesucht und gesucht und gesucht, aber sie wusste nicht mehr, was sie suchte. Es war wie ausgelöscht, eine Leerstelle in ihrem Gedächtnis. Die Tränen standen ihr in den Augen, sie spürte, wie sie langsam sich selbst verlor und ihr das Leben entglitt. An diesem Tag merkte es ihre Tochter zum ersten Mal. Sie wollte nur auf einen Sprung vorbeischauen und fand ihre Mutter in der Küche.
Der Test einige Tage später beim Arzt belegte es: Demenz, Alzeimer, unheilbar.

Die Krankheit schritt fort, sie konnte aggressiv und gewalttätig werden, sie die früher jede Gewalt ablehnte und weinen musste, wenn in den Nachrichten Bilder von Unfällen oder Katasrophen gezeigt wurden. Selbst vertraute Menschen erschienen ihr bisweilen als völlig fremd.
Inzwischen lebt sie im Heim. Sie spricht nicht mehr, das Essen muss ihr angereicht werden, aber sie freut sich jedes Mal, wenn Besuch kommt. „Ob sie uns noch erkennt?“ fragen sich ihre Kinder.
Sie sagt es ihnen nicht. Aber sie spürt, ob es jemand gut mit ihr meint und sie mag es, in den Arm genommen oder gestreichelt zu werden, sie reagiert und antwortet auf ihre Weise, ganz ohne Worte.

Annehmen, da sein, mitgehen, in den Arm nehmen, behutsam und langsam sprechen, eines Tages loslassen, gehen lassen. Es scheint wenig, was noch für sie getan werden kann und doch ist es so viel: das Wesentliche, das Entscheidende: der Liebe zu vertrauen.

Christus spricht: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.
Dann bin ich bei euch, dann ist Gottes Kraft in euch lebendig. Dann seid ihr meine Freunde, meine Jüngerinnen und Jünger. Und wenn ihr euch verliert und euch euer Leben entgleitet, dann finde Ich euch, dann halte Ich euch in meiner Hand.“

Klaus Kochsiek,

stellvertretender Superintendent und Pastor in Spaden