4. September 2017

Nachricht

Gruppe für verwaiste Eltern

"Wir lachen und weinen zusammen"

Eine Gruppe für Eltern, die ihr Kind verloren haben. Da muss ja eine ganz deprimierende Stimmung herrschen. „Gemeinsam weinen – das ist ganz wichtig. Aber auch wenn man es vielleicht nicht denkt: Wir können auch miteinander lachen.“ Beate Engelberth schmunzelt, blickt zu Inge Brickwedel hinüber. Die Pastorin ergänzt. „Aber für beides – lachen und weinen – braucht es ein Gegenüber.“

Im Mittelpunkt steht das verstorbene Kind. Foto Schröder

Seit 2003 leiten die beiden Frauen gemeinsam die Gruppe „Ginsterbusch“.  „Es war damals Neuland für mich“, sagt Beate Engelberth, die Leiterin des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Wesermünde. „Und ich weiß nicht, warum: Ich habe damals gedacht, da kämen Eltern, die ein Kind im Vorschulalter verloren haben.“ So ist es nicht: Das Alter der Verstorbenen spielt überhaupt keine Rolle. Kind ist Kind. „Es sind sogar mehrheitlich Töchter oder Söhne im Erwachsenenalter, um die getrauert wird“, weiß Inge Brickwedel, Pastorin in Flögeln.
Die Theologin hat die Erfahrung gemacht, dass die Eltern im ersten Jahr einfach weiter funktionieren. „Manche stürzen sich in den Garten, andere fixieren sich auf ihren Partner. Jeder trauert anders.“ Irgendwann signalisieredie Umwelt, jetzt sei es wohl auch mal wieder gut. „Und das ist dann der Zeitpunkt, wo die Menschen sich an uns wenden.“

Bei einem „Nachmittag im Sommer“ wird die Gruppe „Ginsterbusch“ vorgestellt. „Dieser Nachmittag ist ein in sich geschlossenes Angebot“, betont Inge Brickwedel. Wer aber das Gefühl hat, hier die Unterstützung zu finden, die er braucht, der kann ab Oktober in die Gruppe „Ginsterbusch“ kommen. Die ist dann geschlossen, das heißt, von da an kann niemand mehr dazustoßen. „Wir treffen uns einmal im Monat über ein halbes Jahr lang“, erklärt Beate Engelberth. „Im März, wenn es wieder heller wird, verabschieden wir uns voneinander. Wer im Anschluss weitermachen möchte, kommt im Oktober wieder.“ Von diesem Konzept, der Gemeinschaft auf Zeit, sind beide überzeugt. „Eine Endlos-Gruppe wäre falsch“, betont Inge Brickwedel.
Sieben, acht Teilnehmer, so haben die Leiterinnen festgestellt, sind eine ideale Größe. Bei weniger drehe man sich irgendwann im Kreis, werden es mehr, würden die Schicksale übermächtig. „Einmal muss jeder seine Geschichte erzählen“, sagt Inge Brickwedel. „Aber nur Sprechen ist belastend“, ergänzt Beate Engelberth. Dann bleibe man im Schmerz verhaftet. „Deshalb gehen wir manchmal spazieren oder binden immer wieder kreative Angebote mit ein.“
Das sei dann aber kein Basteln zum Selbstzweck. „Wir falten zum Beispiel einen Stern, der in der Adventszeit ins Fenster gehängt wird, einen Stern nur für das verstorbene Kind.“ Überhaupt stehe der schmerzlich vermisste Sohn oder die geliebte Tochter im Mittelpunkt. „Es tut einfach gut, über das Kind zu reden“, haben die Leiterinnen festgestellt. „Die Eltern wollen auf keinen Fall, das ihr Kind vergessen wird. Das ist unerträglich.“

Emotionale Zusammenbrüche, die haben Beate Engelberth und Inge Brickwedel bisher noch nicht erlebt. Sie empfinden die Gruppe auch für sich als Bereicherung. Es sei gut mitzuerleben, wie sich die Teilnehmer gegenseitig unterstützten. Zum Beispiel, in dem sie sich Tipps für die Weihnachtsgestaltung geben. Freundschaften seien entstanden. Und auch die Tradition, den Weltgedenktag für verstorbene Kinder alljährlich in einem Gottesdienst zu begehen.
Der Name „Ginsterbusch“ geht zurück auf die biblische Geschichte von Elia. Der lebensmüde Prophet legte sich in der Wüste unter einen Ginster, um zu sterben. Da kam ein Engel, berührte ihn, gab ihm Brot und Wasser, zweimal. Dann machte sich Elia wieder auf und wanderte 40 Tage zum Berg Gottes. „Genauso kann diese Gruppe ebenso ein Anstoß von außen sein. Hier darf man sich Stärkung holen“, erläutert Beate Engelberth. „Das Leben der Eltern ist durch den Tod des Kindes anders geworden, aber es ist noch nicht zu Ende. Nach einem halben Jahr können die meisten gestärkter weitermachen, nicht nur funktionieren“, fügt Pastorin Brickwedel hinzu. Weiterleben - mal mit Tränen in den Augen, mal mit Lachen im Gesicht.

 

 

"Ginsterbusch"

Die geschlossene Gruppe „Ginsterbusch“ trifft sich einmal monatlich von Oktober bis März, immer in den Räumen des Diakonischen Werkes in Bederkesa, Mattenburger Straße 30. Sie steht Menschen aller Konfessionen offen.

Ansprechpartnerin

Frau Pastorin Inge Brickwedel

Tel.: 04745 7059
Mobil: